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Retro – Das Märchen zum gleichnamigen Musikalbum

Die Handlung und alle darin vorkommenden Personen sind frei erfunden.

Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen sind rein zufällig und vom Autor unerwünscht.


Es war einmal Musiker, der immer wieder versuchte, eine vernünftige und in der Allgemeinheit gut ankommende Eigenkomposition zu verfassen. Leider war ihm dieses Glück aufgrund mangelnder Zeit und großteils fehlender Inspiration nicht vergönnt. So sehr er sich auch bemühte, das Resultat war entweder meistens ein trauriges Lied oder ein Lied, welches die Regeln des gültigen Jugendschutzgesetzes auf das extremste verletzte.


Als er eines kühlen Herbsttages entlang des Flusses in seiner Landeshauptstadt einen Spaziergang machte, sah er zwei Obdachlose, welche unter einer alten Brücke, jeder für sich spärlich bekleidet, in einem grösseren Pappkarton schliefen. Nachdem er voll Mitgefühl eine grosszügige Spende in der vor dem Karton liegenden Mütze hinterlegt hatte, erinnerte er sich an ein altes Lied, welches ihn schon zu Jugendzeiten innerlich tief berührte. Es wurde ihm damals vom Original-Künstler vorgetragen, wobei die musikalische und vokale Kunst dieses Liedermachers sehr zu wünschen übrig ließ. Er konnte es damals aus diesem Grund auch nicht verstehen, dass das dort anwesende Publikum derart begeistert von der Musik dieses Mannes war. Erst später erfuhr er, dass es sich um einen sehr prominenten Künstler handelte, und nach und nach wurde er zu einem Bewunderer dieser einfallsreichen Lyrik. Inspiriert von diesen Gedanken empfand er es als eine gute Idee, die Sinnhaftigkeit dieses Liedes auch der restlichen Welt zur Verfügung zu stellen, da das urprüngliche Werk nur in seiner Landessprache existierte. So verfasste der Musiker dieses Lied in einer universellen Sprache, um den lyrischen Aspekt auch an die restliche Weltbevölkerung zu übermitteln.


Der darauf folgende Winter war sehr kalt und lang. Der Musiker erinnerte sich wieder an die Begegnung mit den beiden Obdachlosen und wünschte sich diese Jahreszeit auf ewig verbannt.

Seine Frau, welche die Winterzeit auch sehr hasste, stimmte ihm da voll und ganz zu.


Obwohl er mit seiner Frau sehr glücklich war und er die konstante Harmonie genoss, erinnerte er sich gerne an die Zeiten, wo das Leben im Gegensatz zur ständigen Zufriedenheit mehr Höhen und Tiefen zu bieten hatte. Früher traf er sich regelmässig mit seinen Freunden, um bei ein paar Gläschen guten Trankes über allerhand sinnvolles aber auch sinnloses zu diskutieren. Jeder hatte seine eigenen Träume, was man alles in seinem Leben bewerkstelligen werde, wenn man nur älter und erfahrener wäre. Herausgerissen aus diesen Gedanken stellte er aber fest, dass die meisten Träume noch immer unvollendet vorhanden waren, obwohl inzwischen doch einige Jahre vergangen sind.


Diese Gedanken schwanden jedoch, als er sich wieder seiner Frau zuwandte. Für ihn war sie, auch nach mehreren Jahren des Zusammenseins, das schönste Wesen, das beste, was ihm je das Schicksal beschert hatte.


Obwohl der Musiker aufgrund schlechter Erfahrung aus seiner Kindheit ein überzeugter Atheist war, erinnerte er sich gerne an die schönen Weihnachten, wo er bei Schneefall mit seiner Familie zu Fuß in die Kirche zur Christmette ging. Der beeindruckende Klang der Kirchenorgel ließ ihn die ansonsten verhasste heilige Messe sowie den für ihn abstoßenden Geruch des Weihrauchs vergessen. Ja, es veranlasste ihn sogar Jahre später dazu, sich auf diesem mächtigen Instrument musikalisch zu versuchen. Obwohl der ortsansässige Pfarrer diesen Wunsch verweigern wollte, einigte man sich jedoch schließlich, und nach einer kleinen Spende an die Kirche verwandelte sich die Atmosphäre des heiligen Hauses für 3 Stunden in eine musikalische Klangwolke. Während der Musiker konzentriert vor sich hin spielte, war ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht zu erkennen, was wohl eher auf die mit Erfolg durchgeführte kleine Korruption schließen ließ.


Zufrieden verließ er anschließend das Gotteshaus, wie es die Leute nannten, um sich mit ein paar guten Getränken in seinem Lieblingslokal zu belohnen. Vor diesem Lokal stand eine alte ausrangierte Dampf-Lokomotive. War da nicht eine Geschichte von einem Zugführer, dessen Frau ihn mit seinem besten Freund betrog und er danach Amok lief, worauf viele Personen starben ?

Der Musiker ließ sich aber nicht ablenken, betrat das Lokal, wo ihn der Wirt, der niemals zu altern schien, freundlich begrüßte. Obwohl er wenig Geld in der Tasche hatte, verließ er Stunden später, etwas angeheitert, aber dennoch nicht defizitär, die Gaststätte, in welcher mit Ausnahme des Fasching-Dienstages immer gute Musik zu hören war.


Des Nachts quälten ihn Albträume, dass seine Frau ihn aus materiellen Gründen verlassen hätte und er sein Dasein wieder für lange Zeit mit Sehnsucht nach Zweisamkeit alleine verbringen müsste. Der Teufel drängte ihn außerdem dazu, einen musikalischen Vertrag abzuschließen, was er aber aufgrund der benachteiligenden Klauseln im Kleingedruckten strikt ablehnte. Der Musiker war am nächsten Morgen sehr erleichtert, dass es nur ein Traum war, und auch die begründete leichte Aviophobie vom Vorabend war wieder verschwunden.


Den Nachmittag darauf widmete er sich wieder einmal seinem 6-saitigen Instrument. Dabei flossen seine Gedanken an die beiden Obdachlosen wieder mit ein und er bemerkte auch, dass die Lyrik in seiner Landessprache viel mehr zum Ausdruck brachte als jede internationale Version es jemals zu Wege bringen werde.


Danach versuchte er es, wie unzählige Male zuvor, wieder etwas Eigenes zu erschaffen. Vor 20 Jahren, dachte er sich, ging das doch auch. Nach ein bis zwei Stunden ohne jegliche Muse gab er es jedoch letztendlich für diesen Tag auf.


Etwas frustriert gönnte er sich anschließend ein wohltuendes Bad. Während er in der Wanne die seit dem Morgen ausstehende Rasur vollzog und auf das Rasiermesser blickte, musste er aus nicht erklärbaren Gründen an einen seiner früheren Schulkollegen denken, mit dem er in seiner Kindheit viel Spaß hatte. Es erfüllte ihn ein bisschen mit Traurigkeit, da dieser Freund sich Jahre später mit Hilfe eines Strickes das Leben genommen hatte. In diesen Gedanken wunderte er sich, dass eigentlich sehr viele Selbstmörder diese Art von Suizidismus bevorzugten, gäbe es doch weniger qualvolle Varianten. Eine Schusswaffe als Beispiel würde bei optimaler Anwendung nur einen Sekundenbruchteil Schmerz auslösen. Allerdings wäre es den finanziellen Aufwand wegen eines einzigen Schusses nicht wert. Vielleicht bevorzugen es deswegen einige Suizidgefährdete, vorher Amok zu laufen, da kaum eine einzelne Patrone irgendwo im Handel erhältlich ist. Weiters kann man diese Waffe nicht weiter vererben, da sie mit Bestimmtheit für lange Zeit irgendwo in einer Asservatenkammer zwischengelagert wird. Weniger kostspielig wäre da wirklich eine Rasierklinge. Ein kleiner Schnitt bereitet kaum Schmerz und man würde friedlich einschlafen, noch bevor das Badewasser kalt wird.

Noch bevor das Badewasser kalt war, entledigte sich der Musiker noch seiner restlichen Körperbehaarung unterhalb des Gesichtes und stieg aus dem Wasser. Seiner Frau, die von alledem nichts mitbekam, gefiel irgendwie dieses Ergebnis der erweiterten Körperpflege. Und als der Musiker ein paar Stunden später entspannt einschlief, war sein letzter Gedanke, dass ein paar kleine Tode doch weit besser als ein großer seien.


Des Nachts im Traum erschien ihm wieder der Teufel und lud ihn zu einem Solo-Konzert seines persönlichen Gitarristen ein. Nach dem Konzert, nahm ihn der Teufel zur Seite und flüsterte ihm einen neuen Vorschlag ins Ohr: „Du darfst Dir ein Stück meines Gitarristen aussuchen, das ich Dich lehren werde. Dieses Stück wird niemand je so spielen können wie Du. Nach erfolgreicher Lehre musst Du mir dieses Stück allerdings auf einem Tonträger Deiner Wahl zur Verfügung stellen. Du hast dafür 3 Jahre Zeit und darfst nur maximal 150 Versuche für eine fehlerfreie Aufnahme benötigen. Sollte das misslingen, gehört mir Deine Seele nach Deinem Tod. Doch Du hast nichts zu verlieren, denn wenn Du versagst, kommst Du zwar zu mir in die Hölle, aber Du darfst hier weiter als Musiker und sogar als Produzent tätig sein.“

Der Musiker ging auf diesen verlockenden Vorschlag zuerst nicht ein, doch mit geschickter Verhandlung, dass er ein glückliches langes Leben mit seiner Frau führen dürfe, willigte er letztendlich doch ein. Der Vertrag wurde besiegelt, indem der Teufel in mit seinen Krallen über den Rücken strich, was höllisch brannte.


Der Musiker erschrak sehr, als er am nächsten Morgen erwachte, denn sein Rücken brannte wie Feuer. Doch als seine Frau sich dafür entschuldigte, dass die Spuren am Rücken wahrscheinlich von ihr stammen könnten, fiel ihm ein Stein vom Herzen.


Inspiriert vom diesem Traum übte der Musiker tagtäglich an seinem Saiteninstrument. Eineinhalb Jahre später war es dann soweit und er glaubte, für eine Aufnahme dieses Musikstückes bereit zu sein. Doch nein. Am zweiten Tag hatte er zwar die Aufnahme vollendet, aber er benötigte dafür 184 Versuche und war sichtlich am Ende seiner Motivation. Letztendlich war er dennoch zufrieden, denn er wusste, dass der Traum mit dem Teufel eben nur ein Traum war.


Wieder eineinhalb Jahre später war das Gesamtwerk vollbracht, und das Resultat war eine Silberscheibe, auf der seine Musik abgebildet war, welche entgegen aller ihm verpönten herkömmlichen Mischtechnik produziert wurde.


Dem Musiker war es zeitlebens dennoch verwehrt, jemals Eigenkompositionen zu verfassen. Er genoss aber ein erfülltes Leben mit seiner Frau und überlebte die meisten Gesundheitsfanatiker in seinem Alter.

Was er jedoch nicht wusste: Der Vertrag mit dem Teufel war kein Traum !

Zwei von drei Punkten wurden in diesem Vertrag nicht erfüllt.

Es benötigte erstens 184 statt 150 Versuche für die Aufnahme des teuflischen Liedes.

Zweitens hat der Teufel niemals eine Aufnahme erhalten, da er sich zu Lebzeiten des Musikers nie bei ihm gemeldet hatte und er außerdem nach dessen Tod die 10 geforderten Edelmetallstücke nicht bezahlen wollte. Der Musiker musste deswegen nach seinem Tod dem Teufel in die Hölle folgen und musiziert und produziert noch heute bis in alle Ewigkeit.


Eine sehr kleingedruckte Klausel im Vertrag mit dem Teufel hatte er jedoch zu seinem Leidwesen übersehen:

Musikalische Auftritte und Produzententätigkeiten sind nur für Volksmusik erlaubt !

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© 2015 by Peter Leinfellner